Razzia und Haft, weil Firma sichere Handys vertreibt

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Die niederländischen Behörden haben den Chef der Firma Ennetcom festgenommen, die weltweit abhörsichere Handys vertreibt. Denn sichere Handys erschweren den Behörden die Arbeit.

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Die abhörsicheren Ennetcom-Handys sind modifizierte BlackBerrys. (Screenshot: BlackBerry)

Die Krypto-Branche boomt. Spätestens seit Edward Snowdens Enthüllungen über die Spionagemethoden der NSA ist die Angst vor Überwachung und unerkanntem Datenklau allgegenwärtig. Immer mehr Menschen versuchen, ihre Kommunikationssysteme vor dem Zugriff Dritter zu schützen.

Sichere Handys ab 1.500 Euro

Die niederländische Firma Ennetcom etwa bietet ihren Kunden sichere Handys zum Stückpreis von 1.500 Euro an. Diese modifizierten BlackBerrys sind mit einem Verschlüsselungssystem ausgestattet, das angeblich selbst Geheimdienste wie die amerikanische NSA nicht knacken können.

„Es ist schlichtweg unmöglich, die Daten eines Geräts abzufangen oder zu entschlüsseln. Die Infizierung der Geräte mit Spyware, Trojanern und Viren ist unmöglich“, heißt es auf der Webseite des Unternehmens. Die Ennetcom-Handys können nur mit anderen Ennetcom-Handys kommunizieren. Anrufe oder SMS in andere Netze sind nicht möglich.

Für die Geheimdienste sind die sicheren Krypto-Handys zu einem Albtraum geworden. Die Behörden stoßen aufgrund der zunehmenden Verschlüsselung immer öfter an ihre Grenzen. Die Niederlande entschlossen sich zu einem bislang einmaligen Schritt, der zu einem Präzedenzfall werden könnte.

Razzia gegen die Firma Ennetcom

Am 16. April wurde in der Ortschaft Nijmegen der Geschäftsführer der Firma Ennetcom verhaftet, berichtet die Welt. Der 36-jährige Niederländer Danny M. sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Zugleich starteten die niederländischen Ermittler eine Razzia in der Firmenzentrale in Arnheim. Dabei beschlagnahmten sie Dutzende Telefone und SIM-Karten. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautet Geldwäsche und Waffenbesitz.

Tatsächlich ging es den Ermittlern aber wohl eher um jene Mobiltelefone, welche die Firma Ennetcom seit einigen Jahren anbietet sowie um ihre rund 19.000 Kunden. Denn laut Staatsanwaltschaft handelt es sich bei den Kunden um Kriminelle.

„Heute haben die niederländische Polizei und die Generalstaatsanwaltschaft ein umfangreiches Netzwerk der verschlüsselten Kommunikation von niederländischen und möglicherweise auch ausländischen Kriminellen zerschlagen“, teilte das Justizministerium mit.

„Wie strafrechtliche Ermittlungen bei Auftragsmorden, bei Motorradgangs und im Drogenhandel zeigen, macht die Verschlüsselung es den Ermittlern unmöglich, die Kommunikation zwischen Mitgliedern der organisierten Kriminalität nachzuverfolgen“, sagt die Staatsanwaltschaft.

Ennetcom prüft Schadensersatzklagen

Leon van Kleef ist der Anwalt von Geschäftsführer Danny M. „Das Geschäftsmodell meines Mandanten ist absolut legal“, sagte er gegenüber der Welt. Die Behörden seien vermutlich gegen den Ennetcom-Chef vorgegangen, weil ihnen die Krypto-Handys bei der Ermittlungsarbeit ein Dorn im Auge waren.

„Wir behalten uns Schadensersatzklagen vor“, sagt Anwalt Leon Van Kleef. Denn aus Sicherheitsgründen hat Ennetcom alle Systeme außer Betrieb gesetzt. Die Nutzung der aktuellen Geräte führt zu Sicherheitsrisiken und einer Verletzung der Privatsphäre, teilt das Unternehmen auf seiner Webseite mit.

Abhörsicherheit boomt weltweit

Auch viele andere E-Mail-Anbieter, Software- und Handyhersteller bieten abhörsichere Kommunikationsmittel an. Für viele Unternehmen und Privatpersonen gehören Verschlüsselungssysteme längst zur Standardausrüstung.

So verwendet auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) inzwischen ein verschlüsseltes Handy der Firma Secusmart, nachdem eines ihrer früheren Handys vom US-Geheimdienst NSA abgehört worden war, so die Enthüllungen von Edward Snowden.

Organisierte Kriminalität nutzt sichere Handys seit Jahren

Abhörsichere Handys sind offensichtlich auch für Schwerverbrecher, Extremisten und Terroristen attraktiv. Ermittler haben kaum eine Chance, wenn Straftaten über verschlüsselte Chats geplant werden oder wenn beschlagnahmte Mobiltelefone nicht ausgewertet werden können.

Die organisierte Kriminalität hat die verschlüsselte Kommunikation längst erkannt. Dies zeigt ein Fall aus den Jahren 2012 und 2013. Damals wurde in der australischen Hauptstadt Sydney die Hells-Angels-Rocker Tyrone Slemnik und Roy Yaghi ermordet.

Angeordnet hatte die Morde offenbar ein Mitglied des rivalisierenden Biker-Clubs „Comanchero“. Da er aber ein modifiziertes BlackBerry mit Krypto-Software genutzt hatte, gelang es den Ermittlern nicht, sein Mobiltelefon auszuwerten.

„Nach unseren Informationen werden die schwersten Straftaten über verschlüsselte Kommunikation organisiert“, sagte schon damals der Leiter der Australian Crime Comission (ACC) Paul Jevtovic. Das organisierte Verbrechen habe Tausende abhörsichere Mobiltelefone erworben.

Kanada beschlagnahmte die Ennetcom-Server

Die niederländischen Behörden entschieden sich im Fall Ennetcom zu einem juristisch durchaus fragwürdigen Schritt. Denn sie haben das gesamte Kommunikationsnetzwerk des Unternehmens außer Gefecht gesetzt.

Die Cyber-Experten der niederländischen Polizei hatten ermittelt, dass die Ennetcom-Server sich in Kanada befinden. Eine internationale Zusammenarbeit von verschiedenen Regierungsbehörden und Interpol sowie ein Rechtshilfeersuchen führten dazu, dass die kanadischen Behörden sämtliche Daten vom Ennetcom-Server beschlagnahmten.

„Die Polizei und die Staatsanwaltschaft verfolgen besonders aufmerksam jene Firmen, die Kriminellen solche Dienstleistungen anbieten“, sagten die niederländischen Ermittler. Die Kunden von Ennetcom erhielten anschließend eine SMS, dass die Daten des Unternehmens sichergestellt wurden.

„Ich halte es für sehr fragwürdig die Daten aller Kunden zu kopieren und auch auswerten zu wollen, wenn sich darunter nur einige Kriminelle befinden sollen“, sagt Anwalt Leon van Kleef. Datenschutzrechtlich könne dies problematisch werden. Zudem habe die kanadische Justiz einer Übermittlung der Kundendaten noch gar nicht zustimmt.

Die niederländischen Ermittler wollen erfahren, wer die rund 19.000 Kunden von Ennetcom sind. Die Firma verkauft ihre Krypto-Handys über sogenannte Reseller in 14 Ländern weltweit, darunter:

  • Cali (Kolumbien)
  • Marbella (Spanien)
  • Istanbul (Türkei)
  • Moskau (Russland)
  • Paramaribo (Surinam)
  • Berlin (Deutschland)
  • Gießen (Deutschland)

Einige der Reseller sind offenbar nur telefonisch zu erreichen. Bei anderen wiederum gibt es eine Adresse, etwa bei den zwei deutschen Anbietern in Berlin und Gießen. Doch dabei handelt es sich offenbar nur um Briefkästen. Die Krypto-Handys gelangen per Post zu den Kunden.

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