
An den Moscheen in Deutschland predigen derzeit rund 970 Imame, die von der türkischen Religionsbehörde Diyanet entsandt wurden. Ihre Aufenthaltsdauer in Deutschland liegt in der Regel bei fünf Jahren, schreibt die „Welt am Sonntag“ unter Berufung auf die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib).
Die von der Türkei gelenkte Ditib ist der Dachverband von über 800 Moscheevereinen in Deutschland. „Mehr Steuerung türkischer Auslandsgemeinden durch den türkischen Staat ist kaum denkbar“, schreibt Joachim Wagner in der WELT. Die türkische Einflussnahme schade nicht nur der Integration der Türken, sondern fördere außerdem den Islamismus.
Was bezweckt die Türkei mit den Moscheen in Deutschland?
Am 15. Mai 2015 sprach der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in deutliche Worten vor seinen rund 14.000 Anhängern in Karlsruhe. Die Türken in Deutschland sollten zuerst die türkische Sprache lernen, sagte er. „Deutsch oder Englisch könnt ihr nicht richtig lernen, wenn ihr nicht gut Türkisch sprecht.“
Im Verlauf seiner Rede in Karlsruhe dankte und lobte der türkische Staatspräsident Allah insgesamt 15 Mal. Er sagte: „Unsere Religion, unser Glaube ist unser alles.“ Er forderte die türkischen Gemeinden in Deutschland dazu auf, Eintracht zu wahren und eine „neue Türkei mit globaler Macht“ aufzubauen.
Türkei fördert den Islamismus in Deutschland
Seit Erdogan an der Macht ist, haben sich die Ditib-Gemeinden in Deutschland stark verändert. An den Moscheen in Deutschland, deren Imame von der Türkei ausgebildet, ausgewählt und bezahlt werden, wehe heute ein „anderer Wind“ als früher, sagt Herbert L. Müller, Leiter der Abteilung Internationaler Extremismus beim Verfassungsschutz in Baden-Württemberg.
Die Vorbeter aus der Türkei vertreten einen orthodox-sunnitischen Islam. Die Prediger in den Ditib-Moscheen stärken dessen Absolutheitsanspruch, wie ihn auch die AKP von Staatspräsident Erdogan versteht. Sie preisen das Märtyrertum und schüren vereinzelt Antisemitismus.
Ibrahim Alboga, Chef der Ditib-Jugend Rheinland-Pfalz, ist der Sohn des Ditib-Beauftragten für den interreligiösen Dialog, Bekir Alboga. Er nennt den Vorsitzenden der Muslimbrüder, Mohammed Mursi, und einen seiner Vorgänger, den bekennenden Antisemiten Muhammad Badi’e, Menschen, über die „unsere Kinder sagen werden: Das waren Männer“.
In einigen Ditib-Gemeinden zerfließen die Grenzen zum Salafismus. Der Freiburger Religionswissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi sieht in den AKP-Ideen eine „Vorstufe“ für Radikalisierung. So posierte der türkische Innenminister Suat Kilic im Mai 2013 mit dem Salafisten und Hassprediger Ibrahim Abu Nagie in einem türkischen Lokal in Köln.
Von den 760 Anhängern des Islamischen Staats (IS), die bis Ende letzten Jahres aus Deutschland zum Kämpfen nach Syrien gingen, waren nach Angaben der Sicherheitsbehörden 33 Prozent türkischstämmig.
Verbindungen der Ditib zum Terrorismus
In den Räumen der Ditib-Moschee Dinslaken-Lohberg traf sich zeitweise die „Lohberger Brigade“ aus 22 Syrien-Reisenden. Vorsteher des Moscheevereins war Orhan Topal, der Vater des mutmaßlichen Kopfes der Dschihadisten Mustafa Topal. Und im Jahr 2006 lud die Moschee den Salafisten-Prediger Pierre Vogel ein.
Als „Wolfsburger Gruppe“ bezeichnet man 20 Jugendliche, die dem IS anhingen. Bei ihnen fand die Polizei eine Predigt aus einer Berliner Ditib-Moschee. Sie lobt offen den Märtyrertod. „Selbst die Paradiesbewohner blicken mit wohlwollendem Neid auf den Rang derer, die ihr Leben für Allah ließen.“
Kopf der „Wolfsburger Gruppe“ war der mutmaßliche IS-Werber Yassin Oussaifi. Wegen radikaler Reden hatte er anderswo Hausverbot, was der Ditib-Vorstand wusste. Dennoch überließ man ihm Räume im Moscheeverein. Dort verherrlichte er den Märtyrertod und sagte, man müsse nach Syrien gehen, um den wahren Islam zu lernen.
Die Geschäftsführerin des Ditib-Landesverbandes Niedersachsen/Bremen, Emine Oguz, sagte im NDR, sie habe „mitgekriegt“, dass da etwas läuft. Sie habe den IS-Werber Yassinn Oussaifi auch darauf angesprochen. Doch man habe nichts Genaues erfahren, weil der „Sheikh“ Arabisch sprach.
Die Landeskriminalämter Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens stießen in diesen Ditib-Moscheen zufällig auf die „Lohberger Brigade“ und auf die „Wolfsburger Gruppe“. Denn Einrichtungen der türkischen Religionsbehörde sind für den Verfassungsschutz schon aus politischen Gründen tabu.
Wird Deutschland von Österreich lernen?
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) nannte Ditib, die praktisch der türkischen Regierung untersteht, kürzlich einen „unverzichtbarer Partner“ beim interreligiösen Dialog, beim Entwurf von Richtlinien im Religionsunterricht und bei der Integration der Flüchtlinge.
Österreich geht mit seinem neuen Islamgesetz einen anderen Weg. Dort musste kürzlich ein Imam das Land verlassen, weil er aus dem Ausland finanziert wurde und im Auftrag der türkischen Regierung gearbeitet haben soll. Die Ausländerbehörde verlängerte schlicht sein Visum nicht. Dasselbe Verfahren droht nun 64 weiteren solchen Vorbetern.
Nun sagte auch die Bürgermeisterin des Berliner Bezirks Neukölln, Franziska Giffey (SPD), der „Welt am Sonntag“, sie sehe es kritisch, „wenn Moscheevereine fremdgesteuert sind und dort Imame predigen, die nicht nach dem deutschen Werteverständnis ausgebildet und nicht hier aufgewachsen sind“.
Das AfD-Bundesvorstandsmitglied Georg Pazderski sagte: „Die Türkei mischt sich mit dieser Praxis massiv in die deutsche Innenpolitik ein.“ Dies dürfe genauso wenig geduldet werden wie die Finanzierung von Moscheen in Deutschland aus dem Ausland. Auch der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir nennt Ditib den verlängerten Arm des türkischen Staates in Deutschland.


