Beresniki: Wenn eine ganze Stadt im Boden versinkt

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Mitten in der russischen Stadt Beresniki entstehen riesige Krater, die hunderte Meter in die Tiefe reichen. Die Einwohner leben in ständiger Angst, dass auch sie plötzlich von der Erde verschlungen werden. Doch die Gefahr ist menschengemacht.

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Der Krater im Vordergrund sieht aus wie ein See. Doch tatsächlich versinken in Beresniki immer wieder Teile der Stadt im Boden. (Screenshot: YouTube)

Die russische Provinzstadt Beresniki rund 1.200 Kilometer östlich von Moskau ist Geologen in aller Welt bekannt. Denn seit zehn Jahren versinkt sie immer weiter im Boden. Sie steht auf den Stollen einer riesigen Kalisalzmine, die nach einem Wassereinbruch langsam in sich zusammenfällt.

Im Nordwesten von Beresniki liegt der Hauptschacht der untergegangenen Mine. Die meisten Gebäude hier sind evakuiert, die Gärten verwildert. Die Wege enden an Metallzäunen, hinter denen gigantische Krater klaffen, durch die man scheinbar ins Erdinnere blicken kann. Und die 140.000 Einwohner leben in der ständigen Angst, von der Erde verschlungen zu werden.

Die Chronologie der Katastrophe

Über 70 Jahre bauten Bergleute in der Tiefe eines der reichsten Kalisalzvorkommen der Welt ab. Sie schufen dabei einen Hohlraum von 84 Millionen Kubikmetern. Das ist genug Platz für 11.000 fünfstöckige Plattenbauten, berichtet die Zeit. Über der Erde in Beresniki gibt es nur rund 1.300 solche Plattenbauten.

Am 17. Oktober 2006 brach Wasser in die Mine ein. Seitdem lösen sich in 400 Meter Tiefe die Salzschichten auf. Am 12. Juni 2007 stürzte zum ersten Mal der Untergrund von Beresniki ein. In der Nähe des Hauptschachts öffnete sich ein Krater, dessen Felswände 350 Meter in die Tiefe fallen und dessen Grund nur aus der Luft zu sehen ist. 2.000 Menschen wurden umgesiedelt.

Im Jahr 2010 wurde der Bahnhof von Beresniki geschlossen, nachdem ein Güterwaggon durch die Schienen gebrochen war. Die Stadt verlor ihre Eisenbahnanbindung. Im Jahr 2011 versank ein mehrere hundert Meter breites Areal. Aufsteigendes Methangas entzündete sich in einer gigantischen Explosion. Der Rauch hing zwei Tage lang über der Stadt.

Im Jahr 2014 wurden Teile einer Datschensiedlung außerhalb von Beresniki verschlungen. Im Februar 2015 öffnete sich erneut die Erde. Und auch für dieses Jahr rechnen die Geologen mit einem weiteren Krater. Das Bergbauunternehmen Uralkali prüft, ob Anwohner der gefährdeten Gebiete evakuiert werden müssen.

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Der Bürgermeister gab Beresniki den Beinamen „Stadt der Avantgarde“. (Screenshot: YouTube)

Sitzen die Schuldigen in Edelmanns Nest?

Gefährdet ist heute auch das beste Stadtviertel von Beresniki, genannt Edelmanns Nest. Hier haben sich hohe Beamte und Ingenieure angesiedelt, von denen viele einst in leitender Funktion in der havarierten Mine arbeiteten. Daher trügen sie selbst eine Mitschuld am Versinken ihrer Häuser, heißt es.

Den Bewohnern von Edelmanns Nest wird vorgeworfen, dass sie Bestechungsgelder angenommen haben und dass sie unfähigen Subunternehmern Aufträge gegeben haben, weil sie von ihnen einen Teil der Auftragssumme bekamen. Jetzt steige die Korruption aus der Tiefe an die Oberfläche.

Beresniki wird rund um die Uhr von hunderten Kameras der Zivilschutzbehörde überwacht. Rutschungen und Bodensenkungen sollen so rasch wie möglich entdeckt werden. Hunderte weitere Kameras werden von privaten Sicherheitsdiensten betrieben. Kameras finden sind an Häuserfronten, auf Masten, im Gras. Kaum ein Ort in Russland wird so intensiv überwacht.

Auch aus der Luft wird die Stadt überwacht. Alle elf Tage tastet der deutsche Erdbeobachtungssatellit Terra SAR-X die gesamte Region aus 520 Kilometer Höhe mit Radarwellen ab. Spezialisten der Technischen Universität Clausthal-Zellerfeld werten im Auftrag des russischen Instituts die Daten aus. Einige Kratereinbrüche konnten sie schon vorhersagen.

„Ich möchte keine Panik verursachen“

Jeder neue Krater, der in Beresniki entsteht, führt zu neuen Evakuierungen. Risse klaffen in mehrstöckigen Wohnblocks aus den fünfziger Jahren. Etliche Gebäude mussten mit zusätzlichen Mauern gestützt werden, damit sie nicht einstürzen. Mitten in der Stadt werden Häuser abgerissen.

Im Boden unter Beresniki gibt es fünf große Hohlräume, die sich mit Methangas füllen. Doch deren Lage hält der Direktor des Bergbauinstituts geheim. „Ich möchte keine Panik verursachen.“ Bis zum Unfall in der Mine 1 war er für deren wissenschaftliche Überwachung verantwortlich, der heutige Bürgermeister für ihre Sicherheit.

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Der Grund für das Absinken von Teilen der Stadt ist der Kalibergbau. (Screenshot: YouTube)

Fotografieren der Krater ist streng untersagt

„Der Ort ist sicher“, sagt Bürgermeister Sergej Djakow. Das Schlimmste sei vorbei. Doch das hat er immer schon gesagt. Er leitete einst die havarierte Mine 1, bis dort das Wasser einbrach. Zu seinen Bürgern spricht er meist im Kommandoton, wie er es aus seiner Zeit als Minenchef gewohnt ist. „In dieser Stadt leben fröhliche Menschen“, sagt er.

Der Bürgermeister lässt die Parks herrichten und neue Springbrunnen bauen. Wenn die Straßen durch neue Senkungen Risse bekommen, lässt er sie rasch neu asphaltieren. Noch nie hatte die Stadt so gute Straßen. Der Bürgermeister gab ihr den Beinamen „Stadt der Avantgarde“. Das Fotografieren der Krater und metallenen Sichtschutzzäune drum herum ist strikt untersagt.

In den letzten Jahren sollen bereits 60.000 Bewohner aus Beresniki weggezogen sein. Doch Sergej Djakow kämpft dafür, dass die Menschen in seiner Stadt bleiben. Dem Bergbauunternehmen Uralkali und den anderen großen Betrieben sollen nicht die Arbeitskräfte ausgehen.

Tatsächlich gibt es viele gut bezahlte Jobs in Beresniki. Und in Zukunft soll es sogar noch mehr geben. Im Auftrag von Uralkali bohrt das deutsche Bergbauunternehmen Deilmann-Haniel vor der Stadt zwei 400 Meter tiefe Schächte in den Boden. Hier soll ein neues Bergwerk erschlossen werden.

Uralkali beschäftigt 20.000 Menschen und ist der weltweit zweitgrößte Kaliproduzent nach der kanadischen Firma Potash. Die Landwirtschaft setzt den Rohstoff als Mineraldünger ein, ohne den China, Indien und Brasilien nur schwer ihre wachsende Bevölkerung ernähren könnten. Doch wegen eines starken Angebots geriet der Preis zuletzt stark unter Druck.

Moskau plant die Umsiedlung nach Ussolje

Die Regierung in Moskau würde Beresniki gerne umsiedeln. Im Jahr 2013 hatte sie versprochen, die gesamte Stadt auf das andere Ufer der Kama umzusiedeln. Dafür erhielt die Provinz Perm 600 Millionen Euro. Tatsächlich wurden auf der anderen Flussseite 68 Mehrfamilienhäuser errichtet, und 600 Menschen aus einsturzgefährdeten Häusern zogen dort ein.

Doch Baufirma und Behörden hätten das billigste Material verwendet und den Rest des Geldes hinterzogen, sagt Ludmilla Desel, die damals als Bauaufsicht für die Abnahme der neuen Siedlung verantwortlich war. „Die Stadtverwaltung bot mir Geld an, damit ich unterschreibe. Aber ich habe nicht unterschrieben!“

Am Ende unterschrieben andere Baugutachter. Doch schon wenig später mussten die Bewohner aus den neuen Häusern wieder ausziehen. Denn die russische Verbraucherschutzbehörde hatte in der Raumluft den 18-fachen Wert der erlaubten Formaldehyd-Konzentration gemessen. Die Substanz gilt als krebserregend.

Nur eine Brücke verbindet die Ufer der Kama, die hier zwei Kilometer breit ist. Ussolje heißt das Städtchen auf der andern Flussseite, das noch aus der Zarenzeit stammt. Es gibt dort keine Fabriken, dafür aber ein dreihundert Jahre altes Kloster und mehrere Kirchen.

Die Menschen in Ussolje leben in bunten Holzhäusern aus dem 19. Jahrhundert, die meisten haben nur ein Plumpsklo. Der Palast der Stroganoffs, der Salzfürsten der Zaren, öffnet sich mit großer Freitreppe zum Fluss hin.

Beresniki trifft die Strafe Gottes

Alexander Solodowschikow war einst Priester der größten Kirche von Beresniki. Zusammen mit seiner Familie war er aus Weißrussland in die Bergbaustadt gezogen, um dort den Atheisten Gottes Wort zu verkünden. Die Menschen mochten ihn. Er trat so ganz anders auf als die meisten orthodoxen Priester, die man in Beresniki bis dahin gekannt hatte.

Rasch hatte Alexander Solodowschikow eine wachsende Anhängerschar. Nach dem Ende des Kommunismus renovierten sie in drei Jahren die heruntergekommene Kirche zum Heiligen Johannes der Täufer. Es war die letzte große Kirche, die in der Sowjetzeit zwischen den Industrieanlagen überlebt hatte.

Doch im letzten Jahr musste er das Gotteshaus für immer schließen. Denn das Fundament des Gebäudes begann sich zu bewegen. „Die Stadt trifft die Strafe Gottes“, sagt Alexander. Denn um Fabriken und Bergwerke zu bauen, hätten die Sowjets einst alle acht Kirchen abgerissen, nur seine habe den Kommunismus überlebt.

Alexander hat das Priesteramt niedergelegt und ist mit seiner sechsköpfigen Familie in ein Blockhaus in Ussolje umgezogen. Er weigerte sich, einem Neubau in Beresniki zuzustimmen. Für sechseinhalb Millionen Euro werde in der Stadtmitte jetzt die größte Kathedrale der Provinz Perm geplant.

„Das ist Wahnsinn. Die bauen an der Stelle für Tausende eine Kirche, obwohl darunter eine Gasblase ist!“ Alexander warf dem Bürgermeister öffentlich vor, dieser versuche die Menschen nur zu halten, damit der Industrie die Arbeiter nicht ausgehen. In der Folge gab es plötzlich Gerüchte, dass sich der Priester bei der Renovierung der alten Kirche bereichert habe.

Der Metropolit in Perm wolle ihn nicht mehr einsetzen, sagt Alexander, weil er jetzt als aufmüpfig gelte. Wenn er im nächsten halben Jahr nicht wieder eine Predigerstelle annehme, so verfalle automatisch seine Priesterlizenz. „Ich traue mir das Priesteramt nicht mehr zu“, sagt er. Er lebe jetzt nur noch für seine Familie.

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